RÄISÄNEN

Tomi

Theia (2015)

Reviews

Die Geburt des Mondes - Uraufführung beim Mannheimer Akademiekonzert


Mit Musik aus Europas hohem Norden, romantischer, spätromantischer und zeitgenössischer Provenienz, bestritt das Mannheimer Nationaltheater-Orchester sein siebtes Akademiekonzert im Rosen-garten. Den Auftakt gab die Uraufführung von "Theia" des finnischen Komponisten Tomi Räisänen, einem Auftragswerk des Orchesters, gefolgt von Griegs Klavier-konzert und Sibelius' fünfter Sinfonie. Räisänens Landsmann Pletari Inkinen dirigierte.


Die Inspiration zum neuen Stück war kosmisch. Vor ungefähr 4,5 Milliarden Jahren, berichtete Räisänen im Programmheft, habe eine gigantische Kollision eines Himmelskörpers mit der jungen Protoerde massive Trümmer produziert, aus denen unser Mond entstanden sei. Das Objekt, das die Erde traf, wurde Theia genannt, nach einer Titanin der griechischen Mythologie, Mutter der Mondgöttin Selene. Seiner Grundidee wurde das Werk gerecht: Es entfaltete stellenweise gigantische Tongewalt; sparte keineswegs mir klingenden Explosionen. Der 38-jährige Komponist mobilisierte ein Höchstmaß an sinfonischen Energien. So gab es unter anderem wuchtige Akkordblöcke zu hören, monumentale Klangballungen, verwegene Steigerungen, düsteres Grollen, dem grelle Pfeiftöne der Piccoloflöte gegenüberstanden.


Selbstverständlich enthält die Komposition, die als frei atonal bezeichnet wenden kann, auch Ruhepunkte, mir stillen Tönen und aparten Klangmischungen, darunter hellen Schlagzeugwirkungen, die von Räisänens verfeinertem Klang- und Farbsinn zeugen. Seine Vorliebe für Wiederholungen hätte er allerdings zähmen können.


Eine überzeugende Aufführung erfuhr "Theia" durch das Nationaltheater-Orchester und den am Pult mit großer Übersicht disponierenden Pietari Inkinen.

Gabor Halasz, Die Rheinpfalz, Mittwoch, 13. Mai 2015

Energien aus Urzeiten - Uraufführung von Tomi Räisänen beim Akademiekonzert


Die berühmte „Mannheimer Rakete“ wird von den Komponisten immer fleißig bemüht, wenn sie Auftragswerke für die Musikalische Akademie Mannheim schreiben. Sie wird wohl auch Tomi Räisänen vorgeschwebt sein, als er sein Orchesterwerk „Theia“ konzipierte, das nun beim 7. Akademie-konzert uraufgeführt wurde. Und doch ging es dem 1976 geborenen finnischen Komponisten keineswegs um gestalterische Prinzipien der guten alten Mannheimer Schule sondern vielmehr um elementare Energien.


Rhythmisch kraftvoll anstürmende Blechbläser und Schlagzeug gaben zu Beginn schon einen Eindruck von dem Ereignis. Kühne Klangschichtungen hörte man dabei, gleißende Klänge und starke Reibekräfte. Daneben bestach das neue Werk mit aparten Farben und ebensolchen Harmonien, mit gespannten Klang-konstellationen und sonor ausschwingenden Melismen, die an nordische Runenmelodik erinnerten. Die griechische Mythologie tönte bei alldem mit beredter Kraft. Große Klarheit brachte das Nationaltheater-Orchester unter der Leitung des finnischen Dirigenten Pietari Inkien in die Uraufführung – in den exquisiten Klängen ebenso wie in den großen Ballungen. Ein starkes und effektvolles Werk, das in manchen Momenten an Aribert Reimann erinnerte.

Reiner Köhl, Rhein-Neckar-Zeitung, Nr. 110, 

Freitag, 15. Mai 2015

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Orchestra: 3333/4331/13/1, strings
Instrumentation: Piccolo, 2 Flutes, 2 Oboes, Cor Anglais, 2 Clarinets in Bb, Bass Clarinet, 2 Bassoons, Contrabassoon, 4 Horns in F, 3 Trumpets in C, 2 Tenor Trombones, Bass Trombone, Tuba, Timpani, Percussion (3 players), Harp, Strings
Duration 24 min.
First performance on May 11, 2015 in Mannheim (Germany) by NTO Nationaltheater-Orchester Mannheim, conducted by Pietari Inkinen
Commissioned by / Auftragswerk der Musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchesters Mannheim

Program Notes

Approximately 4.5 billion years ago an astronomical body, the size of Mars and the young proto-Earth were on a collision course. The following giant impact caused a massive amount of debris out of which our Moon was later formed. The object that struck the Earth is named as Theia, after a Titaness from Greek Mythology who gave birth to the Moon goddess Selene. In my work I’m trying to depict the collision of the two planets in a nonlinear and, if you like, musically-Cubistic way.


Theai – being a commissioned work by the NTO Mannheim – gave me an appropriate opportunity to look back to the famous Mannheim school of the 18th century and the orchestral techniques developed there. I decided to use especially the Mannheim Rocket and the Mannheim Sigh. Also, many of the other Mannheim techniques can be found in my score but – of course – all of them applied to my own style. :: Tomi Räisänen, 2015

Vor ungefähr viereinhalb Milliarden Jahren befanden sich ein Himmelskörper von der Größe des Mars und die junge Protoerde auf Kollisionskurs. Der folgende riesige Aufprall verursachte eine gewaltige Menge an Trümmern, aus denen später unser Mond entstand. Das Objekt, das mit der Erde zusammenstieß, wurde Theia genannt – nach einer Titanin der griechischen Mythologie, welche die Mondgöttin Selene gebar. In meinem Werk versuche ich, den Zusammenprall der beiden Planeten auf nichtlineare und – wenn Sie so wollen – musikalisch-kubistische Art darzustellen.


Theia – ein Auftragswerk der Musikalischen Akademie des Nationaltheater- Orchesters Mannheim – stellte für mich eine willkommene Gelegenheit dar, auf die berühmte Mannheimer Schule des 18. Jahrhunderts und die dort entwickelten orchestralen Techniken zurückzublicken. Ich beschloss, besonders von der „Mannheimer Rakete“ und vom „Mannheimer Seufzer“ Gebrauch zu machen. Auch viele andere Mannheimer Techniken finden sich in meiner Partitur, alle jedoch natürlich an meinen persönlichen Stil angepasst. :: Tomi Räisänen, 2015

Noin 4.5 miljardia vuotta sitten Marsin kokoinen planeetta ja varhainen Maa olivat törmäyskurssilla. Tätä seurannut jättimäinen törmäys synnytti valtavan määrän törmäysjätettä,  josta aikaa myöten kasautumalla muodostui Kuu. Tälle Maahan iskeytyneelle taivaankappaleelle on annettu nimi Theia, joka on kreikkalaisessa mytologiassa Kuun jumalattaren Selenen äiti. Teoksessani tutkiskelen kahden planeetan törmäystä epälineaarisesti ja eräänlaisen musiikillisen kubismin keinoin.


Theia, joka on NTO Mannheimin tilausteos, antoi oivallisen syyn tehdä katsauksen kuuluisaan 1700-luvun Mannheimin kouluun ja siellä kehitettyihin orkesteritekniikoihin. Päätin käyttää erityisesti Mannheimin rakettia ja Mannheimin huokausta. Myös muita mannheimilaisia tekniikoita on löydettävissä partituuristani; kaikki kuitenkin integroituina omaan sävellystyyliini. :: Tomi Räisänen, 2015

Akademiekonzert: Räisänen lässt Planeten kollidieren, Avdeeva spielt Grieg – und Inkinen kümmert sich um den Rest


Und wir sind doch nur Atome


In jedem Stück, ob auf dem Theater oder im Konzert, steht einmal die Zeit still. Es ist ein magischer Moment. Wir hören in uns hinein, uns atmen, uns denken und fühlen, wir hören den Fluss des Blutes und Schlag des Herzens und fühlen: Zeit. Und Zeit. Nichts als Zeit. Und wenn dieser Moment des Zeitfühlens abrupt kommt, sich jäh aus einem Viel-zu-viel an Ereignissen herausschält, dann scheint alles plötzlich unendlich. Wir fühlen uns wie im schwarzen Kosmos.


Oder in "Theia", dem Werk des Finnen Tomi Räisänen, das jetzt im Akademiekonzert uraufgeführt wurde. Drei Minuten lang herrscht in seiner Mitte geordnetes Chaos. Mannheimer Raketen schießen nach oben, kosmische Staublawinen purzeln durch den Raum, kolossale und regelmäßige Donnerschläge von Tam-Tam und Großer Trommel verkünden ohrenbetäubend kollidierende Katastrophen. Es ist ein Wuchten und Wummern, ein Stemmen und Stauchen. Alles ist in Aufruhr, bis - ja, bis sich durch das Funkeln und Glitzern des Glockenspiels Erlösung andeutet: Plötzlich, exakt nach 16 Minuten oder 441 Takten titanischer Klanglichkeit herrscht schiere Ruhe. Der leere Raum breitet sich aus, eine hohle Quinte (g-d) der Streichergruppe beschreibt die Unendlichkeit von Raum und Zeit. Ein magischer Moment, der unter die Haut geht.


Beeindruckende, bisweilen wild spukende 25 Minuten spielt das Nationaltheater-orchester (NTO) da. Sie gehören mit zum Modernsten, was in der Reihe der Uraufführungen der Akademie in den vergangenen zehn Jahren erklang, und das Kunststück, das dem Komponisten gelungen ist, lautet: Mit einem gewaltigen, vor dominierender Dissonanz nicht zurückschreckenden Tonsatz gelingt es Räisänen, die Mittel der Moderne mit denen der tabulosen Postmoderne so zu fusionieren, dass in deren Dekonstruktion das Naturereignis der Kollision von Erde und Theia vor 4,5 Milliarden Jahren genauso spürbar wird wie das Wissen davon, dass wir vor solchen Ereignissen nur Staub, Atome sind. Das Publikum ist angetan.

Stefan M. Dettlinger, Mannheimer Morgen, 

Mittwoch, 13.05.2015


Past Performances

May 19, 2015 :: (radio broadcast) :: Musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchesters (NTO) Mannheim • Pietari Inkinen, cond. :: Deutschlandradio Kultur :: 20h03 CET (Central European Time)

May 12, 2015 :: Musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchesters (NTO) Mannheim • Pietari Inkinen, cond. :: Der Mozartsaal (Rosengartenplatz 2) :: Mannheim (Germany)  

May 11, 2015 :: Musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchesters (NTO) Mannheim • Pietari Inkinen, cond. :: Der Mozartsaal (Rosengartenplatz 2) :: Mannheim (Germany)